Milseburghütte, Hofbieber
AUSGANGSLAGE
Der Berg „Milseburg“ bildet mit seinen 835,2 m ü.NN die markanteste Erhebung des Rhöngebirges. Um die Landmarke ranken sich zahllose Mythen und Legenden. Hinzu kommt die noch wenig erforschte Siedlungsgeschichte eines keltischen Opidums, welches den steilen Bergaufschwung als natürliche Festungsanlage nutzte. Der Berg war zu Beginn des 20. Jh. Ort und Motiv der Künstlerkolonie Kleinsassen. Die Kuratorin der Ausstellung „Die Milseburg ein Berg mit Profil“, Marion Fed, stellt im Jahr 2001 fest, dass die Milseburg der meistgemalte Berg Deutschlands ist. Heute ist die Milseburg eingebettet in das „Biosphärenreservat Rhön“, dem Landschaftsschutzgebiet „Hessische Rhön“ sowie dem Naturschutzgebiet „Milseburg“.
Im Zuge der frühen touristischen Erschließung der Mittelgebirge wurde durch den Rhönklub im Jahr 1884 eine Schutzhütte wenige Meter unterhalb des Gipfels errichtet. Seit 2017 gehört die Schutzhütte der Gemeinde Hofbieber.
In der annähernd 150-jährigen Nutzungsgeschichte wurde die Schutzhütte mehrfach erweitert und hatte den Charakter einer Schutzhütte verloren. Nachhaltige Instandsetzungsmaßnahmen waren auf Grund der eingeschränkten Zugänglichkeit nur begrenzt möglich, der Erhaltungszustand verschlechterte sich in den letzten Jahrzehnten von Jahr zu Jahr. Insbesondere auch die fehlende Versorgung mit Trinkwasser sowie die Toiletten in Form einer Latrine waren nicht mehr tragbar. Letztlich wurde im Jahr 2016 gutachterlich festgestellt, dass die Bausubstanz nicht mehr sanierungsfähig und ein Rückbau und/oder Neuausrichtung unumgänglich ist.
In der öffentlichen Diskussion wurde zugleich deutlich, dass mit dem Rückbau für viele Menschen ein stark emotional besetzter Ort mit Heimatgefühl verloren gegangen wäre.
In dieser Gemengelage entschied sich die Gemeinde Hofbieber für einen Ersatzbau. Nach einem intensiven Abstimmungsprozess mit den Trägern öffentlicher Belange über die grundsätzliche Genehmigungsfähigkeit konnte im Jahr 2020 mit den konkreten Planungen begonnen werden. Neben strengen naturschutzrechtlichen Auflagen einschl. einer Umweltbaubegleitung, war die zentrale Vorgabe für das neue Bauwerk, das Volumen und den Fußabdruck des Bestandes nicht zu überschreiten.
ARCHITEKTUR
Die Gipfelzone der Milseburg ist geprägt von dem steil aufragenden Phonolithmassiv mit Kreuzigungsgruppe sowie dem mit einem Mauerzug eingefassten Plateau der St. Gangolf Kapelle. Dieses Motiv prägt in unzähligen Abbildungen das Bild der Milseburg. Ob aus topographischen Gründen oder aus Respekt vor dem sakral besetzten Plateau hat man 1884 die Schutzhütte außerhalb dieser Zone einige Meter tieferliegend errichtet. Ungeachtet der planungsrechtlichen Vorgabe, nämlich diesen Standort nicht zu verlassen, erscheint die angestammte Lage auch heute noch richtig.
Mit dem Wissen um die weit zurückreichende Siedlungsgeschichte des Ortes und der gebotenen Zurückhaltung in unmittelbarer Nähe der kultisch /sakral besetzten Gipfelzone greift der Entwurf die archaische Grundform „Haus“ der 1884 errichteten Schutzhütte wieder auf. Damit soll auch der Erwartungshaltung der zukünftigen Milseburgbesucher Rechnung getragen und ein traditionsgeprägter Ort angeboten werden. Dem soll die Schlichtheit der Gestalt und der Materialien gerecht werden.
Um die Maßstäblichkeit des Ortes zu bewahren, gliedert sich das Bauvolumen in zwei eng aneinander gerückte Satteldachbauten, die sich aus den unterschiedlichen Nutzungsbereichen Gaststube und Keltenstube ergeben.
Der Natursteinsockel konnte aus dem örtlich vorkommenden Phonolithgestein des Vorgängerbaus gewonnen werden. Die naturbelassene Holzschalung ist bereits vergraut und hat sich der Landschaft angepasst. Die unbehandelte Dacheindeckung mit Zinkblech unterstützt den zurückhaltenden Farbkanon der Architektur.
Beide Innenräume entwickeln sich aus den Satteldächern und zeichnen das Gebäudeprofil „Haus“ präzise wie eine Strichzeichnung nach. Die Wand- und Dachscheiben fügen sich scharf im First und in der Traufe und kommen ohne weitere Zug- und Tragelemente aus. Die Räume richten sich über eine großflächige Verglasung auf die außergewöhnliche Fernsicht nach Westen aus.
Dach, Wand und Boden sind einheitlich in Weißtanne ausgeführt. So verkörpert auch der Innenraum die Einfachheit einer Schutzhütte. In der Mitte des Gastraums befindet sich ein Kachelofen.